
Mit über 500 Bildern, darunter eine Sammlung seiner ikonischsten Fotografien sowie bisher unveröffentlichte und weniger bekannte Aufnahmen, bietet My Education einen umfassenden Einblick in das Leben, das Werk und den kreativen Werdegang eines der bedeutendsten Fotografen unserer Zeit, Bruce Weber. Das Buch folgt nicht dem üblichen chronologischen Aufbau, sondern ist nach zentralen Themen gegliedert, die von Beginn an Bruce Webers Neugier weckten und sein Werk prägten, wie Familie, Kreativität, Körperlichkeit, Humanismus, Sexualität und Ausdruck. Diese Struktur bietet eine einzigartige Sicht auf seine fotografische Entwicklung.
Das Buch enthält die Mode- und Porträtfotografie, für die Weber bekannt ist, sowie unvergessliche Bilder für große Modemagazine wie Vogue, GQ, W Magazine und Vanity Fair. Es zeigt aber auch seltene Editorials und bisher unveröffentlichte Reportagefotos. Jenseits der Fashion-Fotografie hat Weber einige der einflussreichsten kulturellen und politischen Persönlichkeiten unserer Zeit verewigt: Von Anselm Kiefer bis Kim Kardashian, von Louise Bourgeois bis Leonardo DiCaprio. Seine einzigartige Fähigkeit, das Wesen jedes Motivs einzufangen, sei es in intimen Porträts oder dynamischen Editorials, hat ihn zu einem der angesehensten Fotokünstler seiner Generation gemacht. Persönliche Geschichten von Bruce Weber und Texte von Charles Bukowski, Rupert Brooke, John Steinbeck und anderen setzen den Lehrern, Freunden, Weggefährten und Einflüssen ein Denkmal, die seinen einzigartigen Ansatz in der Fotografie und im Film geprägt haben. In Anekdoten über enge Mitarbeiter wie Grace Coddington, Dennis Freedman oder Stella Tennant erinnert sich Weber an Beziehungen, die weit über professionelle Zusammenarbeit hinausgehen. So ist dieses Buch mehr als nur eine visuelle Reise - es ist eine persönliche Hommage an den Geist der Zusammenarbeit, an gegenseitige Inspiration und das Streben nach kreativem Ausdruck.
Besprechung vom 05.06.2026
Kein Mangel an Prominenz
Nach Anschuldigungen im Gefolge der MeToo-Debatte verschwand der Fotograf Bruce Weber in der Versenkung. Ein Bildband soll ihn von dort wieder herausholen.
Wer eine Ahnung erhalten will von den Verbindlichkeiten der Werbe-, Mode- und Glamourfotografie, blättert den jüngsten Bildband von Bruce Weber am besten von hinten auf. Dort, nach 560 Seiten und fast ebenso vielen Abbildungen, bedankt sich der Fotograf bei nahezu 500 Menschen aus dem Betrieb, darunter Calvin Klein, für dessen Kampagne er Mitte der Achtzigerjahre zuhauf nackte Männer mit athletischen Körpern wie gemeißelt in blendend weißen Unterhosen posieren ließ. Die Aufnahmen machten ihn berühmt, und man konnte ihnen in keiner Illustrierten und keinem Magazin entgehen. In New York zierten sie damals sogar die Fassaden entlang des Times Square. Sieben Stockwerke hoch.
Nicht hingegen findet man in der Liste den Namen Ingo Taubhorn, der sage und schreibe drei Jahre damit verbracht hatte, eine Überblicksausstellung des Werks von Bruce Weber für die Deichtorhallen in Hamburg zusammenzustellen. Für den Herbst 2018 war sie unter dem Titel "Far From Home" angekündigt, wurde aber kurzfristig "auf Eis gelegt", nachdem der Fotograf in den Strudel der MeToo-Bewegung geraten war. Während diverser Shootings, so warfen ihm männliche Models vor, sei es zu sexuellen Übergriffen gekommen. Auch die Verlage reagierten prompt, obwohl Bruce Weber alle Anschuldigungen von sich wies. Kurzerhand strichen sie ihn von der Liste der Mitarbeiter. So endete die Zusammenarbeit unter anderem mit "Vogue" und "GQ", "Vanity Fair" und "Glamour".
"My Education" heißt jetzt ein kiloschweres Buch, das zum achtzigsten Geburtstag des Fotografen erschienen ist. Natürlich hätte man erwarten können, dass darin neben Erziehung auch von Erfahrung die Rede ist. Aber von dem, was damals vorsichtig als "Karriereknick" bezeichnet wurde, ist an keiner Stelle die Rede. Vielmehr berichtet Bruce Weber in wenigen kurzen Texten im freundlichen Plauderton von der Zusammenarbeit mit seinen liebsten Redakteuren und Modellen, von konkreten Vorgaben hier und seinen spontanen Einfällen dort. So bewegt er sich rund um den Globus durch die High Society von Stars zu Sternchen und zurück. Die Liste der Prominenz, durch die man sich in dem Band blättert, ist atemberaubend, und erst die Anekdote vom Treffen mit Paul Newman korrigiert das Bild, das man haben könnte: dass nämlich die Berühmten und Berühmtesten nur darauf warten, von ihm fotografiert zu werden. Als Porträtist der Stars war er irgendwann selbst zu einem geworden. Ein Kopftuch und seinen weißen Bart machte er zum Markenzeichen.
Dass ihm die Karriere in den Schoß gefallen sei, schreibt er zwar nicht. Aber so nonchalant, wie er von den Anfängen erzählt, als ihm in den Siebzigerjahren Richard Avedon und Diane Arbus empfahlen, bei Lisette Model zu studieren, bekommt seine Geschichte märchenhafte Züge. Berühmtere Fotografen als diese drei hat es damals in New York nicht gegeben. Dabei stammte Bruce Weber nicht einmal von dort, sondern ist in einer Kleinstadt in Pennsylvania aufgewachsen. Über diesen Werdegang hätte man gern mehr erfahren. Und vielleicht auch darüber, welche Hürden er überwinden musste, um sein von Erotik und Verlangen geprägtes Männerbild in der Werbung und Mode einzubringen. Damit hatte er Konventionen gesprengt.
Stattdessen vermittelt er mit zahllosen, erschreckend braven Bildern den Eindruck des Aufgehobenseins in einer großen Familie, buchstäblich. Denn das Buch eröffnet er mit Dutzenden von Gruppen- und Familienfotos: solchen der eigenen Eltern und Großeltern zunächst, bald schon aber der Familien von bildenden Künstlern wie Anselm Kiefer, Julian Schnabel und Francesco Clemente, Musikern wie Carly Simon, James Taylor und Keith Richards, Fotografen wie Kurt Markus, David Bailey und Peter Beard oder den Models Kate Moss und Naomi Campbell - manchmal drei Generationen auf einem Bild. Alles sehr nett, aber mitunter an der Grenze zum familiären Kitsch, wenn etwa Isabella Rossellini vom Enkel ein Küsschen auf die Nase erhält - und auf dem Kopf ein geflügeltes Schweinchen trägt. Bei Elizabeth Taylor ist es der Urenkel, der ein Küsschen bekommt - sie nun mit Lockenwicklern im Haar. Solche Bilder sagen vor allem eines: Ich war dabei, ich gehöre dazu.
Das lässt nach im Laufe des Buchs, aber man staunt, wie wenige seiner berühmten Aufnahmen Eingang in den Band gefunden haben, und wiederum gibt es dort ein Küsschen: Dieses Mal küsst Madonna in einer Garderobe hingebungsvoll ihr eigenes Spiegelbild. Glamour und Narzissmus kommen in dieser Aufnahme auf wunderbare Weise zur Deckung. Aber Charakteranalyse ist nicht Bruce Webers erstes Ziel. Nicht minder bekannt: die beiden lächelnden Elefanten in maßgeschneiderten Anzügen von Chanel.
Bruce Weber ist ein freundlicher Fotograf. Der junge Leonardo di Caprio hüpft fröhlich über den Strand. Matt Dillon versucht in New York fanatischen Verehrerinnen zu entkommen. Häufiger jedoch als aufgekratzt sind die Personen entspannt. Amy Winehouse und Whitney Houston, David Bowie und Leonard Cohen schließen für ihn sogar die Augen, wie ganz in sich gekehrt. Ach, Bruce, sagen diese Bilder: wir beide. Da wird die Antipose zur neuen Pose. Andere zeigt er gern in nachdenklicher Haltung, den Blick in die Ferne gerichtet. In der Masse der Aufnahmen führt auch das zu Beliebigkeit.
Natürlich gibt es reichlich nacktes Fleisch, an Seen, im Wald und auf der Wiese, von jungen Männern vor allem mit stolz zur Schau getragenen Geschlechtswerkzeugen. Diese Bilder machen den Mittelteil des Bandes aus, ein Buch im Buch, sind aber so wenig zwingend wie die etlichen Dutzend Kinderfotos, mit denen der Band endet. Manche sind Modebilder, manche private Schnappschüsse. Ihre Bedeutung erschließt sich bestenfalls über die eingangs ausgebreiteten Familienaufnahmen, als wären sie Teil einer Klammer. Aber dann gibt es diesen einen, kurzen, bizarren philosophischen Exkurs, den Bruce Weber mit dem Gedanken beginnt, dass der Fotografie ein Element des Vergebens innewohne. "Wenn ich jemanden zum ersten Mal sehe", schreibt er, "ist die Person zunächst nur ein Gesicht in der Menge, das meine Phantasie anregt. Aber mit der Zeit habe ich gelernt, zu akzeptieren, dass niemand je wieder so sein kann." Und dann fordert er von sich selbst, diese Menschen zu nehmen, wie sie sind, auch wenn es ihm bisweilen schwerfalle, ihnen und sich zu vergeben, wie das Leben unweigerlich alle verändert. Nur in der Fotografie lebe dieser erste Moment weiter.
Er schreibt wirklich: Vergeben! Nun, mag man darauf antworten, man stelle sich bloß vor, wir blieben alle Kinder. Das Geheimnis und das Glück der Fotografie aber liegen für ihn darin, eben jenen ersten Augenblick weiterleben und unvergessen zu machen. Schade, dass es ihm mit dem Buch nicht gelingt, dieses Glück mit dem Betrachter zu teilen. Man hat es so schnell vergessen wie die meisten der Bilder. FREDDY LANGER
Bruce Weber: "My Education".
(Deutsch, Englisch, Französisch). Taschen Verlag, Köln 2025. 564 S., Abb., geb.
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