Der neue Roman von Judith Fanto beginnt mit einem Brief, der das Fenster in die Vergangenheit öffnet und es endet mit einem Brief, der es ein für alle Mal schließt. Was die Autorin auf rund 450 Seiten erzählt, ist die Geschichte von Manno, der eigentlich Hermann Loch heißt, und von seinen fünf vollkommen unterschiedlichen Freunden.
Manno wird 1906 in Haarlem geboren, Sohn einer einfachen Holländerin und eines k.u.k-Unteroffiziers, der sie tatsächlich heiratet, sie aber ansonsten mit dem Kind allein zurechtkommen lässt. Nachdem erst die geliebte Großmutter und dann die noch mehr geliebte Mutter sterben, wird Hermann nach Wien zur Schwester seines Vaters verfrachtet. Edmonda Loch erweist sich als äußerst gewöhnungsbedürftige Person, aus Hermann wird Manno, doch wenigstens der Privatlehrer erkennt seine künstlerischen Talente. Manno lernt Deutsch und kann bald eine Schule besuchen. Das größte Geschenk seines Kinderlebens ist der Sommeraufenthalt in einer Jugendherberge in Altaussee. Er lernt seine Freunde Béla, Franzi, Max, Bertl und Lotte kennen, und er liebt sie alle, jeden Kindersommer werden sie sich wiedersehen, bis die Kindheit einfach endet. Ein Zitat für diese unbeschwerte Zeit der Kindheit ist besonders ergreifend, Manno denkt: Alles drehte sich um uns sechs, um mein neues Rudel, die Solidargemeinschaft, in der Bertl für Béla und Franzi den Teller leer aß, Lotte Béla nachts tröstete und Max Bertls Hausaufgaben in Musikgeschichte erledigte. Dankbar genoss ich ihre Nähe und war froh, dazuzugehören.
Später werden sie sich wiedertreffen und die das Feuer der Freundschaft wird wieder angefacht. Das Universum hatte sich neu geordnet. Aber das Wien der späten zwanziger Jahre ist politisch schon brisant, wirkt sich im Laufe der Zeit immer mehr auf jeden einzelnen und auf ihre Freundschaft aus. Béla ist homosexuell, noch hat er durch seine adlige ungarische Herkunft ein finanziell gesichertes Dasein, aber die Zeichen der Zeit sind gegen ihn. Franzi und Max sind jüdisch, sie werden ein Paar, auch ihr Dasein ist mehr und mehr gefährdet. Bertl und Lotte gehen mit der Zeit, der Nationalsozialismus erscheint ihnen als die beste Lösung ihrer Probleme. Manno studiert und wird Universitätsdozent, das Restaurieren alter Gemälde ist ihm wie auf den Leib geschneidert. Béla hingegen hat ein Faible für Düfte. Auch die Narzissenfelder bei Altaussee, die die Freunde immer wieder besuchen, spielen eine wichtige Rolle im Paradies der Düfte und Gerüche, das Fanto für den Leser erschafft. Man glaubt sich mitten im Narzissenfeld, im Laboratorium von Béla, im Kaffeehaus oder in der Küche von Baumi, bei der die Freunde die Altausseer Sommerfrische genießen. Die Farben, das Papier, die Lösungsmittel und das Terpentin in Mannos Atelier entwickeln ihren eigenen olfaktorischen Reiz, seine Bilder beschreibt sie so, dass man glaubt, sie sehen zu können. Die gemeinsamen Duftstreifzüge ließen mich als Leser dabei sein. Dass ein Beobachter einen Sinn für jegliche Details hat, die er mit Augen, Ohren, Nase und dem ganzen Körper erkundet, ist unbestritten, dass das manchmal ein wenig ausufert, ließe sich vielleicht vermeiden, ist aber von Judith Fanto nicht gewollt.
Erst in der zweiten Hälfte des Romans fühlte ich mich dann wirklich angekommen im Geschehen. Im März 1938 kommt es zum sogenannten Anschluss Österreichs; wofür Deutschland fünf Jahre benötigte, schafft es in Österreich in ein paar Wochen: Juden, Kommunisten, Sozialdemokraten, Homosexuelle, alle die mit dem Nationalsozialismus nicht konform gehen, sind in größter Gefahr. Bla wird verraten werden, Franzi und Max wollen nach England fliehen, auch Manno möchte Wien den Rücken kehren, nur Bertl und Lotte haben mit ihren Kindern gefunden, was sie suchten. Die weitere Entwicklung lasse ich offen. Mich hat sie in allen Einzelheiten sehr berührt. Bis zum Ende, bis zum zweiten Brief geschehen so viele Ereignisse, die das Elend des Krieges, des Holocausts und die Verheerungen in den Menschen so anschaulich werden lassen, dass es mich auf jeder Seite schmerzte.
Judith Fanto schreibt anschaulich, ihre Formulierungen sind bis ins Detail fein ausgearbeitet und bleiben im Gedächtnis, wie solche Sätze: Sie war so verschlossen wie ihr Hof bei zugeklappten Fensterläden. Aber obwohl auch die Protagonisten jeder für sich meist bis in die Tiefe charakterisiert sind, habe ich keinen gefunden, der mir der liebste wurde im Roman. Béla war für mich schwer zu greifen mit seiner Liebe zu Düften, zu Männern und vielleicht auch zu Frauen. Manno als sein direkter Gegenspieler und bester Freund passt in jedem Fall besser zu Béla als zu mir. Max bleibt etwas im Hintergrund, Bertl ist der Auftrumpfende von Anfang an, da passt Lotte zu ihm, Franzi bleibt mir in Erinnerung als das Bild, das Manno von ihr hat.
Dieser Ratschlag an Manno zum Ende hin liest sich wie ein versteckter Hinweis, dass noch nicht alles auserzählt ist in Der Betrachter. Meine Güte, Hermann, du hörst dich an wie ein Hauptartikel in der Haarlemsche Courant; an deiner Stelle würde ich das alles mal aufschreiben und einschicken, dann bekommst du wenigstens Geld dafür. Judith Fanto übernimmt das nun für ihn, aber auserzählen wird auch sie es nicht.
Fazit: Judith Fanto hat als Beobachterin der Zeitläufte und der Charaktere einen Roman verfasst, dessen Hauptfrage schwer zu klären ist: was ist Freundschaft, was hält sie aus? Oder war es über weite Strecken eher eine Zweckgemeinschaft, aus der jeder seine Vorteile zog? Es ist ein Roman, über den ich noch länger nachdenken werde, auch wenn diese Rezension längst beendet ist.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.