In einem Turm an einem See lebt eine Magierin, die ihr ganzes Leben darauf ausgerichtet hat, die dunklen Stellen in der Legende um Cirilla von Cintra, genannt Ciri zu füllen. Unterstützung bekommt sie dabei von eine jungen Adeptin, die in bewusst gesteuerten Träumen in der Lage ist die Ereignisse der Vergangenheit zu durchleben. Nimue, so der Name jener Magierin ist die titelgebende "Dame vom See" und dem Leser wahrscheinlich schon aus "Zeit des Sturms" und "Feuertaufe" bekannt. Dort lauscht sie als junges Mädchen den Erzählungen eines Märchenerzählers und entdeckt so ihre Faszination für Geschichte rund um Geralt, Yennefer und Ciri, später beschließt sie sich selbst zur Magierin ausbilden zu lassen und trifft Geralt auf ihrem Weg nach Aretusa. In gewisser Weise schlägt Andrzej Sapkowski hier einen Bogen zu den früheren Bänden der Reihe und verstärkt nochmal den Eindruck, dass alles miteinander verbunden ist, eine vermeintliche Nebenfigur wird nun zur Erzählerin von Ciris Geschichte.Damit, dass Sapkowski die Geschichte auf diese Weise zu Ende erzählt, wählt er einerseits einen sehr ungewöhnlichen, interessanten Weg, anderseits aber auch einen etwas verwirrenden, denn statt den Ereignissen geradlinig zu folgen, werden sie immer wieder durch den Rücksprung in den Turm am See unterbrochen und manchmal tut das der Spannung nicht unbedingt gut. Für zusätzliche Verwirrung sorgt auch das ständige springen in der Zeit, nicht nur wenn wir in den Träumen von Nimues Schülerin in die Vergangenheit reisen, sondern auch in den Geschehnissen, denen wir in den Träumen folgen, selbst, den auch Ciri selbst vermag sich mittlerweile durch die Zeit zu bewegen und nutzt diese Fähigkeit auf ihrer Flucht. Mir war das manchmal etwas viel, gerade auch, weil in meiner Ausgabe oft nicht wirklich ersichtlich ist, wann ein solcher Abschnitt in einen anderen übergeht. Manchmal blättert man um, liest, stutzt, blättert zurück, weil man plötzlich ganz wo anders ist und glaubt, man hätte aus Versehen eine Seite überblättert. Hier wäre eine deutliche Abgrenzung, zb durch eine kleine Illustration, oder so etwas Ähnliches hilfreich gewesen. Keine Ahnung, ob das in früheren Ausgaben anders gelöst wurde. Ich persönlich hätte diesen Umweg über Nimue nicht gebraucht, allerdings wird später klar, warum Sapkowski diese Art des Erzählens wählt, die wirklich viel Aufmerksamkeit vom Leser fordert und wieder kann ich nur sagen, er schlägt den Bogen. Wie auch schon im Vorgängerband, spielt auch hier Ciri die Hauptrolle und der Hexer, seine Gefährten und ebenso Yennefer treten eher in den Hintergrund. Gerade von Geralt bin ich hier mehr als genervt, konnte es ihm noch einige Bücher vorher nicht schnell genug gehen Ciri zu finden, fröhnt er hier nun plötzlich, typisch Mann könnte man sagen, dem süßen Nichtstun und besinnt sich zwischendrin ab und zu mal auf seine Hexerfähigkeiten um das ein, oder andere Monster zu töten. Natürlich bekommt er letztlich noch seinen großen Auftritt, allerdings vollkommen aus dem Nichts und für mich als Leser nicht plausibel erklärt. Hier greift Sapkowski doch sehr tief in die Autorentrickkiste. Nach einigem Hin und Her kommt der Showdown sehr abrupt, sehr dramatisch, brutal und blutig, auch das hätte ich so nicht gebraucht, hätte ich mir so nicht gewünscht und leider bleiben für mich noch einige Fragen zu Dingen, die in den vorigen Büchern als immens wichtig proklamiert wurden. Für mich hatte das Ganze leider ein bisschen Ähnlichkeit mit der finalen Staffel von Game of Thrones, irgendwie wollte man die Geschichte auf fulminante Weise zu Ende bringen und hat dabei leider etwas zu viel gewollt, aber zu wenig geliefert und da helfen die fast 100 Seiten, die das Buch länger ist als die anderen auch nicht wirklich weiter. Das Potential war da, wurde meiner Meinung nach aber nicht ausgeschöpft, die Gründe hierfür kennt nur der Autor selber. Vielleicht tue ich ihm aber auch Unrecht und das ganze war von Anfang an genauso geplant.Nichtsdestotrotz ist das Gesamtwerk ein absolutes Highlight des Genres und in seiner Komplexität absolut grandios, wenn auch herausfordernd. Ich bin über alle Bücher der Saga hinweg immer wieder erstaunt darüber gewesen, auf welche unvergleichliche Weise Sapkowski die Mythologie verschiedener Länder einbringt, wie er Wesen aus verschiedenen Welten hier Seite an Seite kämpfen lässt, wie Märchengestalten und Monster ihren Auftritt bekommen und wie sogar Ereignisse der realen Welt, aktuelle, wie auch historische in der Geschichte verarbeitet werden. Dem aufmerksamen Leser begegnen Elfen und Zwerge, wie man sie von Tolkien und Heitz kennt, Vampire, Werwölfe, sogar der Erlkönig bekommt eine Rolle, immer aber so ganz anders, als man es eigentlich aus anderen Erzählungen gewöhnt ist. Man trifft gemeinsam mit Ciri Galahad und schlägt so den Bogen zur Artus-Sage, mit der auch der Name Nimue in Verbindung steht, man reist mit Ciri durch die Zeit und wird so Zeuge bestimmter historischer Ereignisse, folgt ihr zb an einen Ort, an dem unzählige große weiße "Windmühlen" zu sehen sind und nicht zuletzt erkennt der aufmerksame Leser immer wieder Parallelen zur jüngeren, leider sehr dunklen Vergangenheit Europas. Schon grandios und über die kleinen Schwächen, die durch umständliche Dialoge, oder ausufernde Beschreibungen von Nebenschauplätzen, ich sage nur die Schlacht bei Brenna, entsteht, sieht man als Fan großzügig hinweg. Über das Ende kann man streiten, hier könnte mich die Netflixversion ja eventuell noch versöhnen.