Viele von uns haben keine guten Erinnerungen an das Thema Gedichtinterpretation. Warum? Häufig liegt es daran, dass im Sprach-Unterricht nur die Meinung das Lehrers galt und die Frage "Was der Autor einem sagen will" zu ungläubigen Kopfschütteln führte. Zur Verteidigung sämtlicher Deutsch- und auch Fremdsprachen-Lehrer dieser Nation muss jedoch gesagt werden, dass diese oft keine Wahl haben. Zum einen muss das Thema Gedichtinterpretation und diese Epoche an sich behandelt werden, auch wenn sie vielleicht selbst aus eigener Schüler- bzw. Studenten-Zeit eine Abneigung dagegen entwickelt haben. Zum anderen, und damit sogar noch kontraproduktiver für ein gutes Gedichtverständnis, muss am Ende der Unterrichtseinheit eine in kurzer Zeit schaffbare und objektiv bewertbare Leistung, nämlich der Aufsatz, stehen.
Wie gut, das wir irgendwann alle mit der Schule fertig sind und uns einem Gedicht auf eine offene und damit völlig andere Art zu wenden können. Und Michael Bahns Buch zeigt, wie uns das gelingt.
Zunächst einmal erläutert er, was seine Art der Gedichtinterpretation von der in der Schule unterscheidet, nämlich wir, also der Leser. Über jedem seiner nächsten Schritte steht nicht die Sichtweise des Autors, sondern wie wir das Gedicht verstehen und erleben. Als nächste kommt im Grundlagen-Teil eine Erläuterung zur Lyrik im Allgemeinen und ein kleiner Abriss zur Epoche Expressionismus, da das zu interpretierende Gedicht aus dieser eben stammt. An dieser Stelle wird einem klar, ein bisschen Hintergrund wissen ist - leider - immer nötig.
Im Hauptteil geht es um das Gedicht "Die Städte" von Georg Heym und wie wir dieses sehen, hören und fühlen. Hier wird auch der Unterschied zum Schulunterricht deutlich. Es gibt einfach kein richtig oder falsch, solange man es mit den Worten des Gedichtes begründen kann. Während der Autor seine Interpretation dem Ganzen voranstellt, zeigt er auch immer wieder verschiedene alternative Möglichkeiten auf. Für mich war es beeindruckend, wie beim Leseprozess Eindrücke, die schon vorher da waren, aber im Unklaren und Undefinierten, plötzlich an Konturen gewannen, dadurch, dass man sie mit anderen Alternativen abwägen konnte. Obwohl das Gedicht als Lyrik-Form perse kurz ist, spielt sich vor dem Inneren ein ganzer Film ab, der sich mehr oder weniger von dem anderer Leser unterscheidet und das Gedicht wird mit jeder Buchseite mehr und mehr zu meinem Gedicht.
Im Schlussteil gibt einem der Autor ein 8-Schritte-Programm, mit dem man im Alleingang Gedicht für sich erschließen kann. Als Literaturwissenschaftlicher konnte er sich es natürlich nicht nehmen lassen, noch ein kleines Glossar für Stilmittel dem Buch beizufügen. Abschließend gibt es mehrere Gedichte zum selber probieren.
Spätestens beim 8. Schritte-Programm musste ich schmunzeln und fragte mich, ist das ein Sachbuch oder ein Selbsthilfebuch? Die Zielsetzung des Buches, den Leser eine andere als die aus der Schule bekannte Interpretationsweise aufzuzeigen, hat bei mir voll und ganz funktioniert. Mir ist jedoch auch bewusst geworden, dass man ein Gedicht nicht einfach mal so abends lesen kann, anstatt fernzusehen. Stattdessen bedarf es der intensiven Auseinandersetzung und das kosten Zeit und Energie. Aber man stellt auch fest, dass es sich zum Schluss lohnt.
Der Inhalt des Buches wird in besonderem Maße durch die optische Gestaltung unterstützt, da der Text nicht von oben links bis unten rechts und im Block formatiert wurde, mit maximal einen Absatz, sondern viel Platz um der Phantasie den Freiraum zu geben, den das braucht es eben für eine gute Gedichtinterpretation. Im Text selbst wird man in eine Diskussion mit dem Autor verwickelt, was wie bereits gesagt, mir geholfen hat, mich und meine Eindrücke zu entwickeln und zu behaupten.
Alles in allem finde ich dieses Buch einfach großartig. Ich habe mich bereits oft gefragt, warum man sich so wenig mit Lyrik nach der Schule befasst. Dieses Buch gibt einem die Antworten darauf und zeigt einem auf, wie lohnend es ist, sich mit Lyrik auseinanderzusetzen.
Ich persönlich habe mir fest vorgenommen wenigstens noch eines Gedicht nach dem 8-Schritte-Programm zu erschließen und das Buch einer Freundin, die Deutsch-Lehrerin ist, zu Weihnachten zu schenken. Ich kann sie zwar nicht alle bekehren, aber mit einer fange ich schon mal an.