
Besprechung vom 07.07.2026
Ernst der Mission
Walt Whitmans "Leaves of Grass"
Mit einem Quartheft von weniger als hundert Seiten, in grünes Leinen gebunden und mit Blättern, Blumen und Knospen dekoriert und passend "Grasblätter" betitelt, beginnt die amerikanische Lyrik. Kein Verfasser stand auf dem Umschlag, aber auf dem Frontispiz erschien ein Porträt des Autors: in weiten Arbeitshosen und offenem Hemd, mit einem breitkrempigen, schief sitzenden Hut, eine Hand in der Tasche und die andere in die Seite gestemmt, ein süffisant nachdenklicher Gesichtsausdruck. Die Pose suggerierte den Ernst der poetischen Mission, und tatsächlich wurde im Vorwort eine Art patriotische Ars Poetica formuliert: "Von allen Nationen aller Zeiten haben die Amerikaner wahrscheinlich die vollkommenste poetische Gesinnung."
In einer Mischung aus Fortschrittsgläubigkeit und Naturhuldigung, pantheistischer Weltauffassung und exaltiertem Optimismus wurden in den Gedichten Land, Landschaft und Nation gefeiert - und immer wieder der Dichter selbst, der sich schließlich auch namentlich offenbarte: "Walt Whitman, ein Kosmos, der Sohn Manhattans, / Ungestüm, fleischlich, sinnlich, essend, trinkend und zeugend, / Kein Gefühlsduseler, keiner, der über Männern und Frauen steht oder abseits von ihnen, / Nicht mehr bescheiden als unbescheiden."
Whitman verwarf die traditionellen Motive der europäischen Lyrik und machte das idealistische Versprechen einer Neuen Welt, einer neuen Gesellschaft und eines neuen Menschen zum poetischen Vorwurf: "Seht, Leib und Seele - dieses Land (. . .) / Das vielgestaltige weite Land, der Süden und der Norden im Licht, die Ufer des Ohio und der blinzelnde Missouri, / Und immer die ausgedehnten Prärien, mit Gras und Korn bedeckt."
In ungezügelten freien Versen, die keinen Reim kennen und die willkürlich gebrochen erscheinen, artikulierte Whitman die Stimmung eines Einzelnen als Exponenten einer heterogenen Mehrheit, die sich im romantischen Glauben an die demokratische Gleichheit aller als Nation vereinte. "Ich nehme die Wirklichkeit an und wage nicht, sie in Frage zu stellen", postulierte er in jenem Gedicht, das später "Song of Myself", Gesang meiner selbst, heißen sollte.
Der hohe Ton, der zwischen der Erhabenheit biblischer Anspielungen und der Direktheit alltäglicher Ausdrücke in den Versen aufrechterhalten wird, entsprach Whitmans Selbstverständnis als Volksdichter, der eins war mit den Menschen und mit dem Universum - und die Nation in seiner Beschreibung zugleich spiegelte und erfand.
Die "Grasblätter" waren ein living book, weil Whitman von Auflage zu Auflage Gedichte hinzufügte, alte bearbeitete und sie neu ordnete. Fünf Ausgaben erschienen zu seinen Lebzeiten; die hier vorgestellte Ausgabe letzter Hand, die sogenannte "Deathbed Edition", war auf 400 Gedichte angewachsen, die Whitman in vierzehn Teilen gruppierte. Sie erschien 1892, unmittelbar vor seinem Tod. Whitman hat die amerikanische Lyrik in die Eigenständigkeit geführt und Wege eröffnet, die William Carlos Williams, Allen Ginsberg, Muriel Rukeyser und Danez Smith weitergegangen sind. STEFANA SABIN
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